"Recht und Wirtschaft" - Ein Rechtsbachelor wart geboren

Unser Ausbildungssystem für Juristinnen und Juristen ist, sagen wir höflich, tradiert. Anders als die meisten anderen Studiengänge wurde es nicht auf ein Bachelor-Master-System umgestellt, sondern verbleibt in seiner ursprünglichen Form: Die Universität bringt den Studierenden die Grundlagen bei, baut diese aus und siebt derweil diejenigen aus, die das Studium wohl nicht packen werden. Sie bietet eine Reihe Spezialisierungen an, in denen ein Teil der Abschlussprüfung abgelegt wird. Den letzten Schritt überlässt sie kommerziellen Unternehmen oder bemüht sich selbst um die Vorbereitung der Studierenden auf die Abschlussprüfungen: Das Staatsexamen. Hat man dieses geschafft, darf man sich Jurist schimpfen und zählt zu den Glücklichen, die ein sehr intensives, kräfteraubendes, aber auch sehr enormes Wissen vermittelndes Studium hinter sich gebracht haben. Schafft man es auch beim zweiten Versuch nicht, ist man... Abiturient oder Abiturientin mit Studienerfahrung. Das ist leider immer noch für viele die banale wie auch schmerzhafte Realität und notwendige Konsequenz des "Alles oder Nichts-Systems": Die Leistungen im fünf bis sechsjährigen Studium zählen schlicht nichts, es kommt nur auf die Abschlussprüfungen an.

 

Es waren diese Bedenken, die mir persönlich in meiner Zeit als Studierendenvertreter präsent geworden sind. Die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät hat diese Gedanken zwar auch gesehen, aber noch aus einer anderen Sichtweise gedacht: Das meiste, was wir Jurstinnen und Juristen erleben, hat entweder am Ende einen wirtschaftlichen Effekt oder ist durch wirtschaftliche Interessen beeinflusst. Und das ist gar nicht anrpchtig: Wer möchte schon einen Mietvertrag schließen, den man nicht bezahlen kann? Wer will sich scheiden lassen und dabei sich selbst oder den Partner oder die Partnerin finanziell ruinieren? Wer möchte einen Kredit für den Aufbau eines Ladens aufnehmen, wenn die Gesellschaftsform alle Gewinne über die Steuern auffrisst? Wer möchte Gesetze erlassen, die einer Volkswirtschaft so sehr schaden, dass sie nicht mehr funktionsfähig ist? Die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät hat dies begriffen und unterrichtet daher schon sehr lange Juristinnen und Juristen in den wirtschaftswissenschaftlichen Grundlagen im Rahmen der sog. WiwiZ. Ich selbst habe diese Zusatzausbildung auch genießen dürfen und bin sehr froh drum, die Grundlagen der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre zu beherrschen.

 

Deshalb hab ich auch sofort zugesagt, als mein damals noch zukünftiger Chef an mich herantrat und frage: "Haben Sie Lust, einen rechtswissenschaftlichen Bachelor zu gestalten? Es wird der erste dieser Größenordnung in Bayreuth sein, wir haben keine Ahnung, wie das funktioniert, und haben nicht viel Zeit. Aber Sie packen das schon. Für die Studis, die sonst mit nichts dastehen, und für die Studis, die mehr sein wollen als nur Juristinnen und Juristen." Wer könnte da nein sagen!

 

Eineinhalb Jahre später nun ist es soweit: Nach unzähligen Überstunden, Meetings, Verwaltungstreffen, Finanzabsprachen, Gesprächen mit dem Ministerium und der Verwaltung, mit Marketing- und Qualitätssicherungsabteilung ist unser Baby geboren. Mit fast 200 Studierenden und damit gleich als einer der größten Anfängerkohorten startete der Bachelorstudiengang "Recht und Wirtschaft" im Wintersemester 2018/19 an der Uni Bayreuth. Wir haben ihn so konzipiert, dass er parallel zum klassischen Jura-Studium möglich ist. Damit bringen wir nicht nur die meisten Juristinnen und Juristen dazu, sich fundiertes Grundlagenwissen in der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre anzueignen, wir geben ihnen auch eine Sicherheit, dass sie die Universität nach Jahren an harter Arbeit nicht ohne Abschluss verlassen werden. Ich habe zwar noch keine Ahnung, wie wir diese Studis alle auf dem hohen Niveau betreuen sollen, aber das ist ein Future-Überstunden-Problem :P Ich bin wirklich wirklich froh und auch stolz, dass wir das geschafft haben und wie viel gutes Feedback wir bekommen.

 

Wer mehr über diesen Studiengang wissen will, geht auf: www.recht-und-wirtschaft.uni-bayreuth.de . Und als kleines Schmankerl: Der nächste, diesmal internationale Bachelor, steht schon in den Startlöchern ;) Ich sag nur: Vive la france!

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